Autorin Petra Pauls-Gläsemann

1. Kapitel

„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart.“

Richard von Weizäcker

Der kleine Vorort von Danzig lag im tiefen Schnee begraben, als die strammen Kinderbeine wie aus dem Nichts plötzlich vor dem alten Handschlitten standen.
  „Muttchen kann nicht mehr. Hast du was Warmes zu trinken?“
Ein dunkler Lockenkopf suchte sich den Weg an die frostige Luft und reichte der Alten mit dem Schlitten eine kleine Blechdose hin, der man sorgfältig den Deckel abgelöst hatte.
  „Nee, Marjellchen, ich hab‘ selber nichts Warmes. Wo ist deine Mutter?“

Das kleine Mädchen, das nicht älter als vier oder fünf Jahre war, deutete mit seinem dünnen Ärmchen in die kalte Abendsonne. Sie stand nicht mehr weit oben am Himmel und doch stach ihr Licht in die müden Augen der alten Frau. Das Donnern, das schon die ganze Nacht über zu hören war, legte sich für einen kurzen Augenblick nieder, als würde die Welt stillstehen. Auch Marlene sah auf und blickte sich um. Ihre hellen Augen wanderten zu den kleinen Häusern, die am Umfluter standen. Noch immer hielt sie krampfhaft die Blechdose in der Hand und fing langsam an zu zittern. Sie kannte das. Gleich würde ihr wieder warm und heiß werden, der warme Schweiß würde ihr an den schwarzen Locken hinunterlaufen, die Müdigkeit würde wieder von ihrem kleinen mageren Körper, der sorgsam in einem alten Militärmantel steckte, den man ihr unter mühseliger Arbeit umgenäht hatte, Besitz ergreifen. Ein schwerer Wollmantel, der nicht für ein Kind gedacht war. Manfred, ihr ältester Bruder, hatte ihn am Jahnplatz gefunden und mit nach Hause genommen. Er war noch recht gut erhalten, auch wenn einige aufgerissene Löcher, die mit Blut verschmiert waren, auf ein gewaltvolles Ende seines Trägers hindeuteten. Dieser musste noch jung gewesen sein, nicht älter als Manfred vielleicht. Klein von Statur und schmal in den Schultern. Zu Hause im Keller, wo die Familie Pawel seit dem letzten Herbst lebte, weil der Krieg unheimlich nah gekommen war, nähten Mutter und Großmutter bei Kerzenlicht bis spät in die Nacht an dem gut erhaltenen Stück.
Es war fast wie Weihnachten, als Marlene ihn endlich tragen durfte und keiner dachte mehr an die vielen verkrusteten Blutflecken, die längst verschwunden waren.
  „Jetzt hast du genauso einen Mantel wie Onkel Karl!“, begeisterte sich Ulf und nahm eine stramme Haltung an.
  „Hör‘ sofort auf damit.“
Eine drohende Stimme durchbrach das wilde Stimmengewirr. Mutter Pawel zog blitzartig ihre Tochter aus der Menge ihrer Söhne und drängte sie in die Ecke, wo Tisch und Stühle notdürftig zusammengeschoben waren. Eine Hand voll Nachbarn hatten sich hier versammelt, denn der Keller war der einzige Raum, wo sie jetzt noch in Sicherheit waren.
Es war Januar 1945.
Draußen auf den Straßen, und soweit das Auge sehen, das Ohr hören konnte, wütete der Krieg. Die Flüchtlingsströme aus dem Osten hatten jedoch genauso plötzlich aufgehört, wie der Kanonendonner zur fünften Stunde am Nachmittag. Marlene stand immer noch fast regungslos mit der Blechdose in der Hand und hielt den Atem an.
  „Du solltest jetzt besser nach Hause laufen, schnell, beeil‘ dich.“
Die alte Frau, die bestimmt nicht älter als ihre Mutter war, machte eine hastige Handbewegung und schob das Mädchen von sich. Ängstlich zog sich die Alte den warmen Wollschal tiefer ins Gesicht und packte sich den vollbeladenen Handschlitten. Bevor Marlene etwas Genaueres darauf erkennen konnte, war sie auch schon in der aufkommenden Dunkelheit verschwunden. Da stand nun die Kleine. Sich nicht wirklich bewusst, welch ein Ausmaß ihre eigene Tragödie hatte. Eine Tragödie, die noch Generationen nach ihr nicht an Wirkung verlieren sollte.
Sie war wie ein unausgesprochener Fluch, den man ins Vergessen gedrängt hatte, um alles ungeschehen zu machen.

VergeSSen, Seite 9 f

 

 

 

Das Interview zu ihrem neuen Buch "VergeSSen"

Edition Lumen Autorenforum: Frau Pauls-Gläsemann, vielen Dank für den Vorwegeinblick in Ihr neues Buch. Von der Thematik her unterscheidet es sich extrem von allem, was Sie bisher geschrieben haben.

Autorin: Ja, das stimmt schon, dennoch erinnerte es mich zeitweise an meinen ersten Roman Levitikus Erben.

Edition Lumen Autorenforum: Könnten Sie das näher erläutern? Einige unserer Leserinnen und Leser kennen das Buch vielleicht nicht. Worin ähneln sich beide Bücher?

Autorin: Levitikus Erben beschäftigt sich mit drei Überlebenden, die im KZ Auschwitz während der NS-Zeit waren und die sich nach Jahren wiedersehen, ohne zu wissen, was für eine familiäre Tragödie sie miteinander verbindet.

Die Erzählung "VergeSSen" greift auch wieder das Thema Konzentrationslager auf, diesmal jedoch das in Stutthof, in der Nähe von Danzig. Auch hier wird eine Familiengeschichte erzählt, die bis in unsere heutige Zeit hineingreift.

Edition Lumen Autorenforum: Jetzt wird es interessant, es hört sich fast nach einer persönlichen Thematik an. Gibt es da vielleicht Ansätze zu Ihrer eigenen Vergangenheit?

Autorin: Leider muss ich das bestätigen. Ich habe durch meinen ersten Roman erfahren - der rein fiktiv ist - dass mein Großvater SS-Oberscharführer der Wachmannschaft im KZ Stutthof war. Es hat fast 17 Jahre gedauert, bis ich mir ein Bild machen konnte, wer er war oder wie es dazu kommen konnte. Natürlich spielt da auch die unbewusste vererbte Schuld eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ein Erbe, das ich von meinen Eltern erhalten habe und im Begriff war, es meinen Kindern weiterzugeben. Ich musste das Durchbrechen, indem ich anfing, nach der Wahrheit zu suchen und nicht nach den Geschichten, die in meiner Familie überlebt hatten. Für meine Verwandtschaft bin ich sozusagen der Nestbeschmutzer, die Wahrheit wird weiterhin verleugnet, was ich herausgefunden habe, stimmt angeblich nicht. Doch ich verfüge über genügend Dokumente und Fotografien, die das Gegenteil beweisen.

Edition Lumen Autorenforum: Dann ist das jetzt ein mutiger Schritt, darüber ein Buch zu veröffentlichen. Haben Sie keine Angst vor den Reaktionen Ihrer Familie?

Autorin: Natürlich ist das ein schwerer Gang. Aber ich habe keine andere Wahl. Mein Großvater stand in der Öffentlichkeit und nur in der Öffentlichkeit kann ich dieses Familientrauma auflösen. Mein Weg ist der, dass ich darüber schreibe. Ich habe alles andere schon versucht, aber für mich ist das der sinnvollste Weg. Meine Familie wird dafür kein Verständnis haben, vor allem nicht mein Vater. Er begreift nicht, unter welcher Last wir als Nachkommen leben, welche Auswirkungen das Schweigen, die ganzen Lügen und die Scham haben. Es gibt so viele Wiederholungen, die endlich durchbrochen werden müssen. Ein Onkel von mir, drohte mich anzuzeigen, wenn ich über die Familie Lügen erzählen würde. Nun gut - meine Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen entspringt der Laune meines Unterbewusstseins und ist rein zufällig.

Edition Lumen Autorenforum: Was genau erwartet die Leserinnen und Leser?

Autorin: Eine Erzählung, in der sieben Personen ihre Geschichte erzählen. Ich habe versucht, alle Seiten zu beleuchten, die Hintergründe aufzuzeigen, die politische Situation seit dem 1. Weltkrieg, wie es dazu kommen konnte, das einfache Menschen Hitler gewählt haben und er an die Macht kommen konnte. Wie man mit dem Wissen und Unwissen im 2. Weltkrieg umgegangen ist, wie man Schuld empfand und sie ausdrückte. Ich breche das Schweigen und lasse meine Protagonisten zu Wort kommen: Marlene als Kind, die die Flucht aus Danzig miterlebt. Ihre Mutter Leonora, die als uneheliches Kind eines russischen Soldaten ihr Leben über zwei Weltkriege hinweg meistern muss. Deren Mutter Maria, die das Schicksal eines Familienclans bis zum Schluss in den Händen hält und schließlich als Höhepunkt auch Oberscharführer Johann Pawel, der sich als junger Mann der NSDAP anschließt und Einblicke in sein Denken und Handeln gibt. Zum Schluss bemüht sich Mirjam, Marlenes Tochter und auch deren Tochter Mara um Klärung und Aufdeckung eines Familientraumas, das die vierte Generation erreicht hat. Unterstützung erhalten Sie von dem Juden Hans Rosenbaum, der viel Licht in das Gebäude aus Lügen, Scham und Schweigen bringt.

Edition Lumen Autorenforum: Gab es so einen Hans Rosenbaum tatsächlich in Ihrem Leben?

Autorin: Ja, den gab es und gibt es immer noch. Ich hatte auch Kontakt zu einer Überlebenden Jüdin, die meinen Großvater persönlich kannte. Er hatte ihr Leben gerettet und sie hat das auch in ihrem Buch erwähnt. Mein Hans Rosenbaum ist ein Danziger Fotograf und Schriftsteller, der - ohne es zu wissen - mir ein Foto von meinem Großvater schickte, kurz nachdem ich mit dem Buch fertig war. Es hat mich sehr berührt, weil ich nicht nur  Frieden schließen konnte mit meiner Vergangenheit, sie war für mich auf einmal greifbar und auch begreifbar. Das war die Bestätigung, dass dieses Buch veröffentlicht werden muss, damit sich andere, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, für die Wahrheit nicht mehr schämen müssen und vielleicht den Mut haben, ihre persönliche Vergangenheit aufzuarbeiten.

Edition Lumen Autorenforum: Ein bewegendes Interview. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch viel von diesem Buch hören werden. Vielen Dank für Ihre offenen Worte!

 

 

 

 

 


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